Blick über den Tellerrand – Bezirksfraktionen auf Bildungsreise in Hamburg

In unregelmäßigen Abständen gehen die Bezirksrät*innen der Bayerischen Grünen auf Bildungsreise. Mit dem Blick über den Tellerrand bringen sich die Rät*innen auf den aktuellen Stand, wie in anderen Bundesländern und Ländern die Themen Eingliederungshilfe, Psychiatrie und psycho-soziale Versorgung diskutiert werden und welche Modellprojekte es dort zu finden gibt.

In diesem Jahr fiel die Entscheidung auf Hamburg, denn dort gibt es bereits seit 20 Jahren Erfahrungen mit Trägerbudgets als alternative Finanzierungssystematik und Instrument zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe. Neben den im Folgenden vorgestellten Einrichtungen und Projekten war es vor allem die Begegnung mit den äußerst engagierten und motivierten Gesprächspartner*innen, die nur so vor Innovationsideen sprudelten. Für unsere Bezirkstagsfraktion im Bezirk Schwaben waren Barbara Holzmann und Christine Rietzler mit dabei.

Auch die Begegnung mit zwei grünen Bürgerschaftsabgeordneten, Kathrin Warnecke (für den Bereich der Eingliederungshilfe) und Linus Görg (für den Bereich Psychiatrische Versorgung) war äußerst spannend und hilfreich. 

Ein besonderes Highlight war die Begegnung mit Thomas Bock, Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die (Sozial-) Psychiatrie, bipolare Störungen, Psychosen und partizipative Forschung. Thomas Bock war viele Jahre Leiter der Spezialambulanz für Psychosen und Bipolare Störung und der Krisentagesklinik für Jugendliche und junge Erwachsene mit Psychosen am UKE Hamburg. Aktuell arbeitet er verantwortlich bei der Veranstaltungsreihe in Video-Casts „BOCK AUF DIALOG?“ u.a. in der Reihe MENSCH-SEIN und in der Reihe MENSCH BLEIBEN.

Zu sehen und hören sind die Video-Casts im Psychiatrie-Verlag auf youtube hier:

Es war eine mit Eindrücken und interessanten Informationen geballt gefüllte Bildungsreise, die allen Teilnehmer*innen mit dem Blick über den Tellerrand neue Einblicke gebracht haben, die sie für ihre weitere Arbeit in den Bayerischen Bezirken inspiriert.


Die besuchten Einrichtungen und Projekte im Einzelnen:

„Leben auf der Straße“ Stadtspaziergang mit Chris von Hinz und Kunzt

Wir beginnen unsere Bildungreise mit einem Besuch bei Hinz&Kunzt. Chris vom Stadtmagazin Hinz&Kunzt begleitet uns bei einem etwas anderen Stadtspaziergang in Hamburg. Wir erfahren sehr viel über das Leben auf der Straße und wie es den Menschen, die in Obdachlosigkeit leben, geht und auch, wie man sich selbst am besten verhält. Außerdem erfahren wir einiges  über die Arbeit von Hinz&Kunzt und auch über andere Hilfsangebote, auf die Obdachlose in Hamburg ggf. zugreifen können. 

Mehr dazu auch hier: Hamburger Nebenschauplätze: Unser Stadtführer Chris stellt sich vor – Hinz&Kunzt ↗ hinzundkunzt.de

Chris berichtet über die Lücken im Hilfesystem und auch über „Absurditäten“, wie z.B., dass öffentliche Toiletten in Hamburg nicht nur alle Geld kosten, sondern, dass keine mehr mit Bargeld zu bezahlen sind, was dazu führt, dass Menschen ohne Bankkonto (und es gibt eben Obdachlose ohne Bankkonto) der Zugang zu öffentlichen Toiletten verwehrt ist.


Hausgemeinschaft Am Eisenwerk – Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein e.V. (LMBHH)

Der Verein LMBHH ist eine Angehörigenorganisation und wurde von Eltern vor über 70 Jahren gegründet, damit sogar älter als die Lebenshilfe. Der Verein kümmert sich um Menschen mit geistiger und mit mehrfacher Behinderung, also Menschen zum Teil mit großem Unterstützungsbedarf. Das Prinzip an dem alles Planen und Handeln ausgerichtet ist, ist die Personenzentriertheit! LMBHH versucht sich also sehr stark an den Bedarfen des/der einzelnen zu orientieren und nicht strikt an den Leistungsvereinbarungen zu hangeln (=Vorteil des Trägerbudgets). Herr Grevel (Geschäftsführer), Frau Buermann-Gerdes (Bereichsleitung) und Herr Roth (Leitung der Hausgemeinschaft) empfangen uns im Besprechungsraum der Hausgemeinschaft Am Eisenwerk.

Diese Hausgemeinschaft ist eine der für die LMBHH typischen Wohnformen in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft, bestehend aus jeweils acht Bewohner*innen. In Hamburg gibt es derzeit ca. 70 Standorte, darunter sogenannte Clusterwohnungen, besondere Wohnformen und Werkstätten und Tagesförderung sowie einen eigenen Pflegedienst (integrierte Assistenz, d.h. Mitarbeiter der Eingliederungshilfe erbringen auch Leistungen der Pflege, also aus einer Hand). Der Vorteil: Menschen mit einem hohen Assistenzbedarf können ambulant wohnen, darunter auch Menschen mit herausfordernden Unterstützungsbedarf. Pro Jahr schafft LMBHH eine neue „Einrichtung“.

Im Rahmen des Hamburger Kulturschlüssel gibt es zudem Vereinbarungen mit vielen Hamburger Bühnen, die nicht abgerufene Tickets zur Verfügung stellen. Menschen mit Behinderung und Menschen, die diese in die Veranstaltung begleiten, können über dieses Projekt pro Jahr ca. 8.000 Veranstaltungen besuchen.

Wohnformen in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft, bestehend aus jeweils acht Bewohner*innen. In Hamburg z. Zt. Ca. 70 Standorte, darunter sogenannte Clusterwohnungen, besondere Wohnformen und Werkstätten und Tagesförderung, eigener Pflegedienst (integrierte Assistenz, d.h. Mitarbeiter der Eingliederungshilfe erbringen auch Leistungen der Pflege, also aus einer Hand). Vorteil: Menschen mit einem hohen Assistenzbedarf können ambulant wohnen, darunter auch Menschen mit herausfordernden Unterstützungsbedarf. Pro Jahr schafft Lmbhh eine neue „Einrichtung“.

Mehr zu LBBHH, dessen Philosophie und Angebote: LMBHH – Leben mit Behinderung Hamburg ↗ lmbhh.de


Projekt „DreiFürEins“ beim Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Wandsbek Nord (ReBBZ)

Im ReBBZ begrüßt uns Frau Dr. Karl, die die Gesamtleitung des ReBBZ Wandsbek Süd innehat. Bei dem Gespräch nehmen u.a. Herr Börschel (Schulbehörde), Markus Schneider, Ltd. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut im Kath. Kinderkrankenhaus WILHELMSTIFT gGmbH, Frau Büdenbender, die dort zuständige Psychotherapeutin, Frau Neemann als Chefärztin der Abteilung, Frau Menthe, Fortbildungsreferentin Kindertagesbetreuung u.a..

Beim ReBBZ interessiert uns das besonders innovative Projekt DreiFürEins, ein Angebot für psychisch belastete Kinder und Jugendliche, bei dem sowohl Regionale Bildungs- und Beratungszentren/Schule, die Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrien beteiligt sind. Zielgruppe des innovativen Angebots sind Kinder und Jugendliche zwischen 4-17 Jahren und deren Familien, die psychosozial und komplex belastet sind und selbständig nicht in die bestehenden Hilfesysteme Hamburgs hineinfinden.

Im Oktober 2018 entstanden die ersten Ideen an der Schnittstelle Jugendhilfe – Gesundheit – Schule. Zum Jahreswechsel 2018/19 wurde für den Innovationsfonds in gemeinsamen Arbeitsterminen das Konzept DreiFürEins erarbeitet und im März 19 erfolgte die Antragstellung beim Innovationsfonds. Die Förderzusage erfolgte im Oktober 2019. Der Innovationsfonds (seit 2015, GKV-VSG) fördert innovative, insbesondere sektorenübergreifende Versorgungsformen zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung. Hier haben wir ein wunderbares Wort kennengelernt: „Kollateralnutzen. Die verpflichtende Kommunikation über die verschiedenen Schnittstellen hat weit über das Projekt hinaus zur Verständigung und Zusammenarbeit geführt.

Mehr dazu hier: G-BA Innovationsfonds ↗ innovationsfonds.g-ba.de
Weitere Informationen zum DreiFürEins-Projekt: DreiFürEins | ↗ rebbz-altona-west.hamburg.de


ARINET (Arbeitsintergrationsnetzwerk)

Geschäftsführer Michael Schweiger klärt über die Arbeit von ARINET auf. 

ARINET berät und unterstützt

  • Arbeitsuchende mit psychischen Beeinträchtigungen im Rahmen der beruflichen Rehabilitation als IFD sowie in unterschiedlichen Maßnahmen und Projekten
  • Beschäftigte bei psychischen Problemen am Arbeitsplatz (rehapro)
  • Beschäftigte mit Schwerbehinderung im Rahmen der Berufsbegleitung (Integrationsfachdienst)
  • Unternehmen und ihre Mitarbeiter*innen zum Erhalt und zur Förderung der psychischen Gesundheit im Arbeitsleben
  • und bei der Inklusion und Formen der Arbeit für psychisch Erkrankte.

Es gilt das Prinzip von Freiwilligkeit (die Menschen kommen aus eigenem Antrieb), und personenzentriertes Arbeiten. Organisiert über das Dreieck „Mensch – Arbeitgeber – ARINET“.  Ziel ist es, dass sich ARINET aus dem Prozess herausziehen kann. Aufgabegebiete sind: Arbeit und Rehabilitation, Beratung und Begleitung, unternehmerische Dienstleisungen. Vision: „Arbeit für Alle!“  

Arbeiten mit psychischer Erkrankung ↗ arinet-hamburg.de


Das Trägerbudget aus Sicht der Sozialbehörde Hamburg

Was sind die Vorteile und wo ist Sand im Getriebe? Das waren die Fragen, die uns umtrieben, als wir den Kontakt zur Sozialbehörde Hamburg aufgenommen haben, um aus Behördensicht das Wie und Warum des Trägerbudgets erläutert zu bekomen. Empfangen wurden wir von Frau Gesche Emme und von Herrn Dr. Dirk Melies, die uns offen und ehrlich zu all unseren Fragen Antworten gaben.

Peter Gack

Die Stadt Hamburg als Stadtstaat hat 22.760 Leistungsbeziehende (Stand Februar 2026) im Bereich der Eingliederungshilfe, davon werden ca. 3.940 Leistungen der Teilhabe am Arbeitsleben und ca. 25.800 Leistungen im Bereich Soziale Teilhabe bezogen. Ziel ist es, die Bürger*innen möglichst unabhängig von den Leistungserbringern zu machen. Ausgaben in der Eingliederungshilfe lagen im Jahr 2020 bei 500 Mio Euro, im Jahr 2026 voraussichtlich bei ca. 740 Mio Ausgaben. Davon mehr als 60% der Gesamtausgaben über Budgetvereinbarungen in Trägerbudgets. Darin sind auch Anpassungen an Tariferhöhungen festgelegt.

Beweggründe für die Einführung des Trägerbudgets: die beiden Ziele, die eigentlich im Widerspruch stehen, nämlich Personenzentrierung auf der einen Seite und Kostensenkung, bzw. Kostenstabilisierung auf der andren Seite irgendwie zusammenzubringen. Umsetzung erfolgte in mehreren (vorsichtigen) Schritten, beginnend im Jahr 2005 mit einem Träger und die Ausweitung im Jahr 2014 auf die Budgets mit weiteren großen Trägern Hamburgs (Arbeit, Tagesstruktur und Wohnen). Im Jahr 2024 erfolgte die Vereinbarung neuer Budgets mit Leistungserbringern. Die Vereinbarung der Budgets laufen über fünf Jahre, aktuell gibt es acht Leistungserbringer mit einem Gesamtumfang  in Höhe von rund 1,4 Mrd. Euro. Rechtliche Grundlage für die Vereinbarung eines Budgets ist der § 132 SGB IX. Neben den Budgets in der Eingliederungshilfe gibt es außerdem weitere 70 Budgets mit Trägern in der Sozialpsychiatrie (Laufzeit 1 Jahr) In der Broschüre „Neue Wege für mehr Teilhabe – das Hamburger Trägerbudget 2024–2028“ stellen die Sozialbehörde und die beteiligten Träger die Entstehung, Leitprinzipien sowie Erfahrungen und Projekte aus unterschiedlichen Perspektiven dar. Ergänzt werden die Beiträge durch fachliche und rechtliche Einordnungen.

Download der Broschüre hier: Das Trägerbudget in der Eingliederungshilfe ↗ hamburg.de


CARE! Wenn aus Liebe Arbeit wird – eine Ausstellung im Museum der Arbeit

Den inhaltlichen Abschluss der Bildungsreise machte ein Besuch im Museum der Arbeit mit der Sonderausstellung „CARE – wenn aus Liebe Arbeit wird“. Wer kümmert sich – und unter welchen Bedingungen?

Ob unbezahlt in der eigenen Familie oder als berufliche Tätigkeit in Pflege, Kita und sozialen Diensten: Care-Arbeit hält unsere Gesellschaft am Laufen. Dabei bleibt sie oft unsichtbar und wenig wertgeschätzt. In der Ausstellung konnten wir anhand von historischen und zeitgenössischen Fotografien, Objekten, Interviews und künstlerischen Installationen das Thema Pflegearbeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Und auch die unterschiedliche Themengebiete: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Care-Migration und transnationale Elternschaft, Arbeitsbedingungen in der bezahlten Pflege und welche Rolle technische Hilfsmittel und KI in deren Entwicklung spielen.

Siehe auch: Ausstellung „Care!“: Wie Sorgearbeit die Gesellschaft stützt | ndr.de ↗

Pride Season 2026 – CSD-Termin…
Gemeinsam Geschichte entdecken…